ayam, tagebuchstaben
blanka beirut: gedanken,ideen, wortgestecke und satzbrechungen zum tage aus libanesisch deutscher schriftstellerinnensicht
Montag, 4. Juni 2012
Springseile für Todeskalligrafie in den Arbeiten Gottes
Sonntag, 27. Mai 2012
Habibiklößchen und Bohnenrestaurierung
Dienstag, 15. Mai 2012
Wolkenmaschine 2 und Zahnfäule der Freiheit
Der schwarze Fleck verblaßt nicht
In ihm versammeln sich Ameisenbuchstaben
Immer mehr
Dicht übereinander
Die Masse
Oder das Muttermal unter dem Auge…
(Yoko Tawada)
Der eisheilige Tag fläzt sich in Funktionswäsche auf Blanka Beiruts Hirnwiese herum. Auf Tage ist eben kein Verlass mehr. Und auf die Heiligkeit auch nicht mehr. Die Nazischlammisierer nehmen in NRW das Wort Freiheit in den Mund, und dort fault es ewig falsch vor sich hin. Dazu tragen die eisheiligen Fasalisten Gott als Fingerpuppe mit sich rum und lassen sich alles erlauben.
Da hilft nur noch echte Freiheit! Blanka Beirut schickt den Nymphensittich voraus, von Österreich aus, und er schafft es rechtzeitig zur Demo vor der Moschee in Ehrenfeld. Am Kampfplatz der Fasalisten, Gottespuppen und Nazischlammisierer.
Unter Blanka Beirut ist derweil noch österreichischer Badeschaum, Fliegwolken. Neben ihr sitzt ein blutjunger Palästinenser, der Vergebung predigt. „Siehst du diese fünf Finger? Sie sind alle unterschiedlich!“ Die unterschiedlichen Araberfinger können sich aber von oben auch nicht in den Aufmarsch der ewig Falschen einmischen. So oder so nicht! Der braune Fleck verblasst nicht.
Also träumt Blanka sich vergnügt auf die Alb zurück und sieht lesbischen Bienen auf Margeriten zu. Ein Maikäfer gibt auf und erklimmt Blankas Schädelwand am Haarseil. Ich webe mir Zeit, denkt sie, mit Schokoladenglanz. Denn jetzt gibt es wieder Hoffnung. Und als Blanka später aus der Maschine steigt, hört sie die kleine frohe Botschaft auf dem Sommerlicht entgegen kommen: Die ewig Falschen haben es richtigerweise nicht in den Landtag geschafft.
Montag, 19. März 2012
Störche kommen
(Adelheid Dahimène)
Eine rätselhafte Botschaft liegt auf Blanka Beiruts Küchentisch. Mit einer Telefonummer. Wie kommt sie dahin? Ganz einfach: auf dem Einwickelpapier des frisch gekauften Brots. Ist Blanka gemeint? Oder war das Papier vorher überdimensionaler Notizzettel?
Egal! Blanka ruft der Sache nach. Ohne wiesoweshalbwarum. Aber: besetzt. Den ganzen Tag. Stehen deshalb die Möwen schon wieder vor der Texttür und feilschen um Einlass mit eintönigem Glissando? Blanka lässt sie herein, wie immer, und wie der Nachbar, der ebenfalls täglich Möwenbetten zwischen Buchstaben herrichtet. Der ist nun fort, um anderes Gefieder zu suchen. Der Nymphensittich will auch weg, er zittert, da die Möwen ihm allen Platz rauben. Blanka kann nichts machen und zieht sich zurück. Weg von den annektierten Texten. Raus ins Knacken der Straße, Katzen und Altwarenhändler durchsuchen Blankas Müll und endlich scheint die Sonne wie weisgesagt ab Mitte März. Blanka bringt dem Lebensmittelhändler das Papier zurück, der es schon herzlich vermisst hat, und sein Assistent fragt zum widerholten Male, ob sie ihm Englisch beibringen kann.
Blanka schüttelt den Kopf gen Goldhorn, wo die Wasser zwar nicht möwenfrei, aber zittern, ohne Angst und ohne Fieber. Hier nimmt sie einen Tee und schaut auf die gegenüberliegende Seite, zum im scheuen Nachmittagslicht vor Gebet zitternden Stadtteil des Sultans.
Einen Tee später schießt plötzlich der Nymphensittich aus der Handtasche hoch in die Lüfte und bläst Fanfaren. Meister Adebar ist da. Ein Storch auf seiner Heimreise gerade noch rechtzeitig aufgehalten und abwärts geleitet. Vornehm schreitet er nun mit Frühlingsklappern ins Notizbuch der erfreuten Blanka Beirut, die die Möwen das Weite suchen sieht.
Samstag, 10. März 2012
Herzschränke und Schritteregen
Die Seele kommt aus der Kehle
(türkisches Sprichwort)
Leises fremdes Vogelweinen in Blanka Beiruts Morgenwohnung. Nervös flattert der Nymphensittich deshalb hin und her, doch es ist ja nur die Seele der Thermoskanne, die gerade zum Wörterhimmel aufsteigt. Mit kleinen Möwenglissandi. Irritierende Klangkonzerte auch im Hausflur. Was wie Baulärm anmutet, ist das Gepolter der Putzfrau. Auf der Straße Blechperkussion ordnender Altwarenhändler und hochpotenzierte Gebetsrufe. Und ein röhrenförmig gesungener Vokal zwischen o und u zerschneidet den Tag in gleichmäßige Stücke.
Später Schritteregen auf den Treppen: Blanka Beirut bekommt Besuch.
Doch vorher müssen die Buchstaben noch Flügelkleidchen kriegen und in die Texte hineinfliegen. Das machen sie aber nicht von selbst, erst als Blanka Beirut ihnen den nahenden Texttod ankündigt, treibt es sie hinein, dahin wo sie fortan im Ensemble singen.
Der Besuch will auf die Wasser der Welten. Also führt Blanka Beirut ihn auf ein Vapurenboot, das von Möwen und einer Quallenkarawane verfolgt wird. Der Besuch füttert die Vögel, deshalb kreschendiert deren Geschrei in ein prestissimo con fouco. Mühelos pickt einer der Sturmvögel außerdem den rosinendicken Popel auf, den ein alter Mann mit mittelgroßer Nase soeben aus derselben gefischt hat. Deshalb muss Blankas Blick weg von Flatterviechern und Besuch und Nasen und treibt zum Horizont, wo dicke Dampfer stumm und allmählich die Lichtdeckchen des Maramameeres bügeln. Dieser visuelle Schlager öffnet Blanka Beiruts Herzschrank, legt die Deckchen dort aus, und prompt findet der Nymphensittich darauf auch noch seinen Nachmittagsschlaf.
Sonntag, 4. März 2012
angeknabberte Wolken, Wogelesieg
Onkel Vogelfänger!
Wir haben Vögel
Und auch einem Baum.
Gib uns nur etwas Wolke
Für einen Zehner.
(Orhan Veli)
Der Himmel ist heute eine Stunde lang grün und grau wie Kinderrotze. Trotzdem hat der Nymphensittich Wolken angeknabbert. Und Teile davon auch noch in Blanka Beiruts Handtasche versteckt. Deshalb ist diese nass, und über ihnen regnet der Regen, yağmur yağıyor! Und es schneit. Ach nein, der Schnee regnet doch auch. Zumindest auf Türkisch. Und überall in Istanbul. Auch in die Sprachschule hinein, wo Blanka Beirut den Bären namens Ayı wiedertrifft. Der tobt dort. Ehedrama auf Türkisch und schon fallen Kurse ins Regen- und Schneewasser. Zumindest in der Rede und vorübergehend.
Aber Blanka fällt mit und erkältet sich. Mit Schnupfen, Halsweh und einer Mitschülerin setzt sie sich ins Nachbarschaftslokal, das aber gerade dabei ist, zu schließen. Nichtsdestotrotz wird extra für sie noch ein Tee zubereitet. Als sie bezahlen wollen, winkt der Wirt ab. Wozu denn auch? He's a doll, behauptet die Klassenraumfreundin daraufhin und verdoppelt ihr Grinsen.
Auch in die Ausstellung am Abend regnet es, und zwar große walwuchtige Glastropfen und kleine. Zu einem Vorhang aneinandergeknüpft auf dem Filzboden liegen sie, geköpfte Glasblasen, Frucht entwichen. Einer muss Onkel Vogelfänger entstiegen sein, denn der steht plötzlich da und will seine Wolkenstücke wiederhaben. Doch der Nymphensittich tauscht schnell die richtigen Konsonanten, und nun ziehen statt Wolke und Vogel blasse Wogele und Volk durch das Glasblasenkunstgemenge. Da muss Onkel Vogelfänger passen, denn Onkel Volk liebt seine Tiere.
Sonntag, 26. Februar 2012
von redekapris und zeitkostüm
Armut piş ağzıma düş
Birne werde reif und fall mir in den Mund
(türkisches Sprichwort)
Armut heißt Birne und davon singt der Bär in allen seinen vierzig Liedern. So zumindest türkische Redekapris der Straßen im Zwielicht, der staubigen Hinterhöfe von flimmernder Paradiesbox und Palast und Goldhorn. Hinter zwei von sieben Bergen. Dort wohnen auch die Maronimannen, die ohne Kleinehexenzauber frierend auskommen müssen. Wegziehen sollen sie, und Platz machen, für alle Handtaschen der Welt, vorausgesetzt sie sind gefüllt. Kindliche Brauenwackelblicke begehen deshalb versuchten Mord an Blankas Beiruts Handtasche. Leider ist da kein Geld drin, nur der Nymphensittich, der nun hastig sein erstes türkisches Lied singt. çikçik çikçik çikçik. Da entspannen sich die Brauen, stellen sich als Tayfun vor und erklären der bleichen Blanka die richtige Erzählzeit. Bir varmış bir yokmuş. Es war eins, es war keins. Oder eins gabs, eins gabs nicht.
Ach so! Jetzt kommt Blanka wieder zurecht. Im Deutschen gibt’s dieses märchenhafte Perfekt zwar nicht, aber wen kümmerts?
Im neuen Zeitkostüm federte Blanka Beirut an einem kahlen Birnbaum vorbei. Geschickt wich sie senffarbenen Vogelexkrementen aus der Luft aus.
Nach der ganzen Zeit Geld Aufregung half ein Tee im Schicksalslokal, kismet lokantası, durch eine dick lackierte Vanillepudding-Schokoladenpuddingtür an einem stummen Chor sternförmig drapierter toter Fische mit offenen Mäulern vorbei. Der Tee aber wurde serviert aus silbernem tischhohen Kannenreiher und mit guten Geistern und Blick auf bonbonfarbene Häuser. Auf der Straße tranken Uniformierte Tee mit dem alten Sänger, dessen kleiner Enkel ihm bis nachts das Mikrophon hielt. Bir varmış bir yokmuş.
